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Würde beginnt mit einer Frage

Gestern Mittag ist meine Tochter mit dem Bus nach Hause gefahren.
Sie ist elf.
Sie sitzt im Rollstuhl.
Und sie macht das erst seit Kurzem alleine.

Meistens fährt eine Klassenkameradin mit.
Manchmal nicht.
Und jedes Mal ist es ein kleiner Schritt hinaus in die Welt. Ein Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Freiheit. Vertrauen.

In kurzer Zeit sind ihr sehr nette Busfahrer begegnet. Menschen, die warten. Die freundlich sind. Die fragen. Die helfen, ohne groß zu sein.
Aber auch andere. Die genervt die Augen rollen. Die zackig anfahren, bevor es überhaupt möglich ist, die Bremse des Rollstuhls festzustellen.

Und dann war da gestern diese Situation.
Ein Kinderwagen war im Bus.
Ein Rollator.
Lucie ist eingestiegen.
Dann wollte noch ein Rollator hinein.

Und plötzlich hat ein fremder Mann – ohne Ansprache, ohne Blickkontakt – sie von hinten hochgenommen und umgestellt.
Er wollte helfen.
Damit Platz ist.

Aber das geht überhaupt nicht.
Das ist übergriffig.

Ein Kind.
Ein Körper.
Ein Hilfsmittel, das Teil dieses Körpers ist.
Und ein fremder Mensch, der einfach zugreift.

Hilfe beginnt mit einer Frage.
Alles andere ist Bevormundung.
Was hier sichtbar wird, ist nicht nur eine einzelne Grenzüberschreitung.
Es ist ein Muster.

Menschen sehen den Rollstuhl – und vergessen das Mädchen.
Sie sehen ein Hindernis – und nicht eine Person.
Sie handeln über ihren Kopf hinweg – statt mit ihr zu sprechen.

Inklusion heißt nicht, alles schnell zu organisieren.
Inklusion heißt, Würde zu achten.
Selbstbestimmung zu respektieren.
Zu fragen.
Zu warten.
Zuzuhören.

Ein Rollstuhl ist kein Möbelstück, das man verschiebt.
Er ist Teil ihres Raumes.
Teil ihres Körpers.
Teil ihrer Selbstständigkeit.

Und ja – ich weiß, viele meinen es gut.
Aber »gut gemeint« ist nicht automatisch gut gemacht.

Was bleibt nach so einem Moment?
Vielleicht ein Schrecken.
Vielleicht Sprachlosigkeit.
Vielleicht Wut.
Vielleicht dieses leise Gefühl: Mit mir kann man es machen.

Und genau da beginnt unsere Aufgabe.
Nicht mit Angst.
Sondern mit Stärkung.

Wir üben jetzt Sätze.
Kurze. Klare. Kraftvolle.
»Bitte fassen Sie mich nicht an.«
»Sprechen Sie zuerst mit mir.«
»Ich komme alleine zurecht.«
»Ich sage Bescheid, wenn ich Hilfe brauche.«
»Nicht anfassen.«
Keine Erklärung.
Keine Rechtfertigung.
Kein Lächeln, um es leichter zu machen.

Grenzen brauchen keine Begründung.

Lucie ist elf.
Sie darf lernen, ihre Stimme zu benutzen.
Und die Welt darf lernen, zuzuhören.

Selbstständig unterwegs zu sein ist für sie ein riesiger Schritt.
Für mich auch.
Loslassen heißt vertrauen.
Und Vertrauen heißt auch: Sie wird nicht nur Freundlichkeit begegnen.

Aber ich wünsche mir eine Welt, in der Hilfe fragt.
In der Erwachsene nicht einfach zugreifen.
In der wir Kindern mit Behinderung nicht das Gefühl geben, Objekt zu sein.
Ich wünsche mir eine Welt, in der ein Busfahrer wartet, bis die Bremse sitzt.
In der ein fremder Mensch sagt:
»Soll ich helfen?«
Und dann die Antwort respektiert.

Vielleicht beginnt Veränderung genau hier.
Mit einem Erzählen.
Mit einem Bewusstsein.
Mit einem klaren: So nicht.

Und mit einem elfjährigen Mädchen, das lernt zu sagen:
Ich bin hier.
Ich entscheide.
Frag mich.

Und vielleicht lernen wir alle dabei etwas:
Würde beginnt mit Respekt.
Respekt beginnt mit einer Frage.

Avatar sf | February 27, 2026

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