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Fliegenpilz.

Gedankenskizzen über ein kleines rotes Tor.

Ich weiß gar nicht genau, was mich am Fliegenpilz so fasziniert.

Dieses Rot. Dieses Unverschämte, Leuchtende, beinahe Unwirkliche mitten im Moos. Als hätte jemand etwas in den Wald gesetzt, das nicht ganz von dieser Welt sein kann. Zu schön, um zufällig zu sein. Zu geheimnisvoll, um einfach nur ein Pilz zu sein.

Und natürlich ist er genau das: ein Pilz. Mit einer Biologie, mit Wirkstoffen, mit einer ganz eigenen Beziehung zu den Bäumen, unter denen er wächst. Und trotzdem ist da noch diese andere Ebene. Das, was er in uns auslöst. Die Geschichten, die sich um ihn ranken. Die Bilder, die wir mit ihm verbinden. Das Gefühl, dass sich hinter etwas so Kleinem eine ganze Welt verbergen könnte.

Ein Tor. Nicht unbedingt eines, durch das wir hindurchmüssen. Eher eines, vor dem wir stehen bleiben und uns fragen, was dahinterliegen könnte.

Mich interessiert dieses Dazwischen. Zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir nicht wissen. Zwischen dem, was sich erklären lässt, und dem, was uns trotzdem berührt.

Wie viel tragen wir eigentlich in uns, ohne es zu kennen? Wie viele Bilder, Ängste, Sehnsüchte, Erinnerungen und Möglichkeiten warten irgendwo unter der Oberfläche unseres ganz normalen Alltags? Und wie viel von dem, was wir für die ganze Welt halten, ist nur der Ausschnitt, den wir gelernt haben wahrzunehmen?

Es ist diese Ahnung, dass unsere Wirklichkeit größer sein könnte als das, was wir gerade von ihr verstehen. Dass es mehr Zusammenhänge gibt, als wir sehen. Mehr Fragen, als wir beantworten können. Und dass nicht alles, was uns berührt, sofort einen Namen braucht.

Und dann sind da die Hexen. Die Frauen, die Kräuter sammelten, Pflanzen kannten, Geburten begleiteten, Wunden versorgten, beobachteten und Erfahrungen weitergaben. Frauen, deren Wissen aufgeschrieben wurde und Frauen, mit denen es verschwand. Frauen, um die sich Geschichten bildeten, die wir heute kaum noch auseinanderhalten können: Erfahrung und Aberglaube, Verfolgung und Fantasie, Überlieferung und nachträgliche Erfindung.

Was wussten sie? Was wussten wir einmal? Und was davon ist tatsächlich verloren gegangen?

Ich möchte nicht alles, was geheimnisvoll klingt, für wahr erklären. Ich möchte aus einer Vermutung keine Geschichte machen, nur weil sie schöner ist als das Nichtwissen. Aber ich möchte auch nicht aufhören, Fragen zu stellen, nur weil es auf manche keine eindeutige Antwort gibt.

Es braucht beides: einen klaren Blick und die Bereitschaft, sich berühren zu lassen.

Der Fliegenpilz ist giftig. Auch das gehört zu seiner Geschichte. Er ist kein harmloser Schlüssel zu anderen Welten, kein Versprechen von Erkenntnis. Und gerade das beschäftigt mich: dass nicht alles, was uns anzieht, für uns bestimmt ist. Dass wir etwas bestaunen können, ohne es besitzen zu müssen. Dass wir uns einer Grenze nähern dürfen, ohne sie zu überschreiten.

Warum eigentlich verbinden wir ihn mit Glück?

Ein Giftpilz als Glücksbringer. Ein Wesen, das uns in Märchen und Kinderbüchern begegnet, auf Neujahrskarten, kleinen Porzellanfiguren und zwischen vierblättrigen Kleeblättern. Als wäre er ein Versprechen. Ein kleines rotes Zeichen dafür, dass das Leben uns freundlich gesinnt sein möge.

Glück als eine Begegnung, die wir nicht geplant haben. Etwas, das plötzlich da ist. Ein unerwarteter Farbtupfer in einer Welt, die wir so oft zu ordnen, zu verstehen und zu kontrollieren versuchen.

Und dann ist da diese Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen. Nach dem Staunen, das wir als Kinder noch so selbstverständlich kannten. Nach einer Welt, die nicht vollständig erklärt werden muss, damit wir uns in ihr zu Hause fühlen können.

Nach dem Gefühl, dass unter der Oberfläche noch etwas liegt. Nicht unbedingt Magie, wie wir sie aus Geschichten kennen. Sondern mehr Leben, mehr Zusammenhänge, mehr Möglichkeiten, als wir im ersten Moment erkennen.

Ich möchte mehr über diesen Pilz erfahren. Über seine Geschichte, seine Wirkstoffe, die Kulturen, in denen er eine Rolle spielte, die Mythen, die sich um ihn gebildet haben. Ich möchte wissen, was belegt ist und was Legende. Woher unsere Bilder kommen. Warum manche Geschichten über Jahrhunderte bleiben und andere verschwinden.

Und ich möchte mir erlauben, dabei nicht nur Antworten zu sammeln.

Sondern auch Fragen.

Vielleicht ist das die Einladung dieses kleinen roten Pilzes: nicht sofort wissen zu müssen, was er bedeutet. Nicht alles in eine Schublade zu stecken. Sondern neugierig zu bleiben auf das, was wir sehen, auf das, was wir übersehen, und auf das, was wir in uns selbst entdecken, wenn wir uns für einen Moment Zeit nehmen, genauer hinzuschauen.

Ein Pilz im Moos.

Ein roter Hut mit weißen Punkten.

Und plötzlich ist da eine ganze Welt.

Avatar sf | October 22, 2026

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