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Geschmackserinnerungen

(Essbarkeiten 3.26, Danke Thomas – für die Fragen!)

Bevor ich meinen Papa angerufen habe, dachte ich, wir würden über Essen sprechen. Im Nachhinein haben über so viel mehr gesprochen. Ich kann jedem nur empfehlen, diese Fragen einmal den Eltern oder Großeltern zu stellen. Es fühlt sich so schön an, über diese Erinnerungen zu sprechen, nachzufragen und sie sich erzählen zu lassen. Es berührt etwas ganz Besonderes in den Menschen. Es kommt ein Lächeln in die Stimme. Etwas wird angesprochen, das tief im Inneren sitzt und den Menschen geprägt hat. Die Kindheit von meinem Papa, von mir und die jetzt von meinen Kindern. Alles so anders. Das berührt mich sehr. Ich bin sehr dankbar (Danke Thomas!) für die Anregung, diese Fragen zu stellen. Denn auch meine Erinnerungen wurden aufgefrischt, ein Stück Familiengeschichte bewahrt, …

Ich bringe heute ein Aprikosen-Lavendel-Kompott mit. Kein historisches Rezept, sondern eine Erinnerung, neu erzählt. Ein Glas Sommer – so wie früher die Einmachgläser im Keller. Damals, um die Fülle zu bewahren. Heute, um uns daran zu erinnern, dass das Kostbarste oft nicht die Zutaten sind, sondern die Geschichten, die wir mit ihnen weitergeben. Nicht, weil es früher genau so gekocht wurde. Sondern weil es dieselbe Idee in sich trägt: die Fülle eines Sommers nicht vorbeiziehen zu lassen. Etwas einzufangen, das morgen vielleicht schon vergangen ist. Vielleicht erzählen Einmachgläser deshalb immer auch Geschichten. Von Gärten und Kellern. Von Händen, die vorsorgten. Von Menschen, die wussten, dass Teilen und Bewahren zwei Seiten derselben Frucht sind.


Text zum Vorlesen am Essbarkeiten Abend:

Geschmackserinnerungen aus einer Zeit, in der nichts verloren ging
Für unser heutiges Essbarkeiten-Treffen habe unter anderem auch meinen Papa angerufen. Ich begann mit den Fragen, Welche Gerichte auf den Tisch kamen, wenn Lebensmittel knapp waren. Doch schon nach wenigen Minuten merkte ich: Seine Erinnerungen erzählen eine andere Geschichte.

Sie erzählen nicht von der Not.
Sie erzählen von der Fülle.

Nicht von übervollen Supermarktregalen, sondern von einer Fülle an Wissen. An Handgriffen. An Gemeinschaft. An Menschen, die wussten, wie man aus dem, was da ist, ein gutes Leben macht.
Er erzählte von einem Haus, in dem drei Generationen zusammenlebten. Von einem Backhäuschen, in dem Brot für viele Tage gebacken wurde. Von Kühen, Hühnern und Schweinen. Von Sauerkraut, das angesetzt wurde. Von Birnen, Zwetschgen und Mirabellen, die in Gläser wanderten. Von Karotten, die im Sand überwinterten. Von Dickmilch, Weißkäse und Butter, die aus der eigenen Milch entstanden.

„Der Keller war voll Gläser.“
Es gab Vorräte. Und vor allem: Es gab das Wissen, wie man sie anlegte.
Nichts wurde weggeworfen.
Aus übrig gebliebenem Brotteig wurden kleine Apfelkrapfen. Aus Sauermilch wurden Dickmilch und Weißkäse. Aus dem Trester nach der Weinlese entstand noch einmal Wein.

„Auf den Trester wurde noch mal Zucker gemacht, dass er gärt. Das war Trunkwein – für den Winter.“

Das Brot vom Vortag war kein altes Brot. Es wurde mit Zucker bestreut und mit kaltem Kaffee übergossen. Das Abendessen meines Urgrossvaters. Und wenn geschlachtet wurde, dann nicht hinter verschlossenen Türen. Der Metzger kam ins Dorf. Die Nachbarn halfen und nahmen sich eine Kanne Metzelsup. Wer backte, teilte. Wer bei der Ernte mithalf, bekam Kartoffeln oder Wein.

„Einer aus dem Dorf hat uns immer bei der Lese geholfen. Geld hat er nicht bekommen. Aber er hatte die Befugnis, sich nach
getaner Arbeit einen Krug Wein zu holen.“


Vieles hatte seinen Wert, auch wenn dafür kein Geld den Besitzer wechselte.
Mein Papa erinnert Gerüche.
Er erinnert Stimmen.
Er erinnert das Knacken der Brotkruste.
Er erinnert sich, wie der Cousin immer mit dem Finger durch den Rahm der Dickmilch fuhr und damit die Großmutter verärgerte. Ich höre das schmunzeln in der Stimme.

„Das schmecke und rieche ich heute noch.“
Er spricht von übrig gebliebenem Teig. Er wurde um einen Apfel gewickelt und gebacken. Die Kinder wurden gerufen. Der Apfel geviertelt. Ein kleiner Moment – und doch ist er über siebzig Jahre später noch da.

Vielleicht ist genau das das Wunder von Essen.
Wir erinnern uns oft nicht an das Besondere.
Wir erinnern uns an das, was Liebe getragen hat.

Heute sprechen wir viel über Nachhaltigkeit, Zero Waste und Regionalität. Damals hatten diese Dinge keine Namen. Sie waren Alltag. Nicht aus Romantik.

Sondern weil Lebensmittel kostbar waren. Weil Wissen kostbar war. Weil Nachbarschaft kostbar war.

„Im Winter saß man viel beisammen.“
Ein einfacher Satz. Und vielleicht erzählt er mehr über diese Zeit als jedes Geschichtsbuch.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschmackserinnerung meines Vaters:

Nicht die Erinnerung an Mangel.
Sondern die Erinnerung daran, dass nichts verloren ging.
Kein Brot.
Keine Milch.
Keine Ernte.
Und auch keine Gelegenheit, miteinander zu teilen.
Vielleicht liegt darin etwas, das wir heute wieder neu lernen können.


Original Telefon-Mitschnitt Aufzeichnung:
Hardy, geboren 1950 in Gräfenhausen, einem kleinen Dorf in Rheinland Pfalz:
Dorf
Erinnerungen ab 4 Jahren. Großvater gestorben mit 5 oder 6, Großmutter gestorben mit 9.
Drei-Generationen-Haus.
Abends Brotfach – trockenes Brot.
Morgens Kaffee: Muckefuck, Kathreiner Malzkaffee, dünner Kaffee.
Abends trockenes Brot, 2 Löffel Zucker drüber, kalter Kaffee drüber.
Grossvater Abendessen
Zucker – hatte man – man hatte vieles gespart.
1 Scheibe Brot, Margarine, etwas Zucker drüber. (Zwischendurch Essen Papa)
Mittag: Riewelsupp – meistens mittags gekocht. Oma hat gekocht. Riewelsupp (Mehlribbel mit Ei, in süßer Milch gekocht).
Später hat die Mutter abends gekocht.
Grießbrei, Reisbrei.
Kartoffeln, Sauerkraut.
Abends Sauermilch und Bratkartoffeln.
Hühner.
Oma: Backhäuschen – Brot gebacken.
Butter selber gemacht.
Großeltern hatten 4 Kühe.
Hammel, 2 Schweine.
Geschlachtet – Hausschlachtung.
Wurst gekocht: Blutwurst, Leberwurst.
Nachbarsleute – Milchkanne – Metzelsuppe.
Nachbarn geschlachtet, dann dahin, Metzelsuppe geholt.
Teig übrig – Apfel mit Teig umwickelt, Teigreste umwickelt – wie Apfelkrapfen.
Immer so gut gerochen.
„Kinder, kommt mal!“
Apfel durch 4 geteilt.
Musig.
„Das schmecke und rieche ich heute noch.“
Sauerkraut gemacht.
Äpfel, Zwetschgen, Mirabellen eingemacht.
Rote Birnenschnitzen – Zimt.
In Wasser mit Zimt gekocht, in Einmachgläser gefüllt.
Eingekochtes.
Nebenan Irma – wenn gebacken wurde, dann hat man geteilt.
Quetschekuchen & Grumbeersuppe.
Mirabellen-Hefekuchen & Kartoffelsuppe.
Keller voll Gläser.
Karotten im Sand eingegraben, dann länger haltbar im Winter.
Weißer Käse – selbst gemacht aus Sauermilch.
Rahm gebildet, Rahm weggemacht.
Sahne gemacht.
Milch dick.
Handkäse – eingelegt, probiert.
Weißer Käse, Dickmilch, Pellkartoffeln.
Zwiebeln, Salz, Pfeffer.
Dickmilch – heute Quark.
Gemolken – einfach stehen gelassen – Sauermilch.
Geht das heute noch?
Milchzentrale – übrige Milch abgegeben.
Korn übrig gehabt – zum Bäcker gebracht.
Brotkarten bekommen.
5 Zentner, 3 Zentner, Geld für den Rest.
Brotmarken – dann hat man Brot gekriegt.
Urgroßvater – Schreinerei, bis 1945 geschreinert.

Als Kind zugehört.
Alles war da.
In Kriegsjahren kein Kaffee.
Gerste geröstet, gemahlen – Kaffeeersatz.
Nur aus Erzählungen.
Als Kind mit aufs Feld.
Alle haben mitgeholfen.
Mit 13/14 Trauben geerntet.
2.000–3.000 Liter Wein gemacht.
„Mops“ – auf den Trester wurde Trunkwein gemacht.
Noch mal Zucker drauf, damit er gärt.
Über Winter getrunken.
Im Wingert geholfen.
Wenig Geld bekommen.
Dann hatte man die Befugnis, einen Krug Wein mitzunehmen.
Leberwurst.
Metzger kam.
Schussapparat.
Gestochen.
Blut raus, direkt gerührt, damit es nicht gerinnt.
In die Mulde.
Heißes Wasser.
Borsten ab.
Metzger hat alles gemacht.
Metzger wurde mit Material bezahlt – Wurst mitgenommen.
Immer Wein gemacht.
Keine Fotos.
3.000 Liter.
2 kleine Fässer.
Wein nach Albersweiler.
War nicht filtriert.
Abgefüllt, verkauft.
Aus dem Trester noch mal Trunkwein gemacht.
Kein richtiger Wein.
Eigene Kelter.
Traubensaft.
Helfer wurden mit Ware bezahlt, zum Beispiel mit Kartoffeln.
Geklopft.
Nachbarn.
Oft jeden Abend saß man zusammen.
Frauen gestrickt.
Äpfel gebraten.
Andere Gespräche.
In der Sommerzeit nicht so viel – da viel gearbeitet und geerntet.
In der Winterzeit saß man zusammen.
Mit der Sense gemäht.
Zusammengebunden.
Getrocknet.
Abends, bis Licht da war, gedroschen.
Mitgeholfen.
Strohballen abgeladen.
Streu für die Tiere.
1 Mark 50 verdient – da warst du der König.
………
Fragen von Thomas:
Stadt oder Land?
Gab es Möglichkeiten zur Selbstversorgung (Garten, Feld, Tiere,…)?
Welche Einschränkungen gab es? Und welche waren am einschneidensten?
Welche Gerichte wurden gekocht, welche fielen weg und was konnte improvisiert werden?
Gab es durch den Mangel Neu/Eigenkreationen?
Gab es trotz Mangel „gesundes7ausgewogenes“ Essen?
Wie und was änderte sich in der Nachkriegszeit?
Wie stellt sich die Zeit rückblickend dar?
………
Einladung Essbarkeiten:

………

………
Aprikosen-Lavendel-Kompott mit Vanille für und von Tomma
Eine Erinnerung im Glas – für ca. 1 kleines Glas (ca. 400–500 ml)
Zutaten: 500 g reife Aprikosen | 1 Vanilleschote 2–3 EL Rohrohrzucker oder Honig (nach Süße der Aprikosen)
1–2 TL Zitronensaft| !/2–1 TL getrocknete Lavendelblüten (sparsam!) | optional: 2–3 EL Wasser
Aprikosen waschen, halbieren, entsteinen und in Stücke schneiden. Die Vanilleschote längs aufschneiden und das Mark herauskratzen. Aprikosen mit Zucker, Zitronensaft, Vanillemark und der ausgekratzten Schote in einen kleinen Topf geben. Bei mittlerer Hitze langsam erwärmen, bis die Früchte Saft ziehen. Etwa 8–10 Minuten sanft köcheln lassen, bis die Aprikosen weich sind, aber noch Struktur haben. Die Lavendelblüten erst am Ende dazugeben und nur wenige Minuten ziehen lassen. Die Schote entfernen. Warm oder kalt servieren.

Avatar sf | June 30, 2026

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