
Gestern war ein regnerischer, eher gefühlter Apriltag im Mai.
Ein Sonntag nach einem langen Wochenende.
Wir Eltern wollten zu einem Büchertrödel in einer Kirche und danach noch zu einer Finnisage in eine anderen Kirche.
Lucie, unsere 11-Jährige, hatte keine Lust mitzukommen.
Sie rief eine Freundin an. Die beiden hörten Musik, machten Diamond Painting und fragten später telefonisch, ob es noch zu spät sei für ein Eis.
„Nein“, sagte ich.
„Geht ruhig. Nimm deinen Schlüssel mit und deine Uhr. Falls etwas ist.“
Später ruft Lucie nochmal an.
Emma sei nun auf dem Heimweg und sie möchte draußen noch etwas joggen.
Lucie ist mit dem Rollstuhl unterwegs und liebt es andere frischen Luft schnelle Runden zudrehen. Wind im Gesicht. Einfach unterwegs sein.
»Mach das ruhig«, sage ich.
Nach einiger Zeit bekomme ich ein unruhiges Gefühl.
So eines, das man nicht erklären kann. Nur spürt.
Wir machen uns auf den Weg.
Dann klingelt mein Telefon. Lucie weint.
»Mama, ich bin mit dem Rollstuhl gestürzt. Aber alles gut. Ich bin nur sehr erschrocken.« Zwei Männer hätten ihr aufgeholfen. Ihr Ellenbogen tue etwas weh.
Kinder im Rollstuhl fallen nicht oft.
Sie lernen nicht — wie laufende Kinder — dieses tausendfache Hinfallen und Wiederaufstehen.
Lucie ist unglücklich nach vorne gefallen und konnte sich nicht selbst befreien.
Das ist genau das der Moment, der nachhallt. Nicht die Schürfwunde. Nicht der Ellenbogen. Sondern dieses kurze Ausgeliefertsein.
Das Warten darauf, dass jemand kommt.
Dass Hände da sind, die helfen.
Zum Glück waren da zwei Männer, die beherzt geholfen haben.
Die gefragt haben, ob sie jemanden anrufen oder Lucie irgendwo begleiten sollen.
Und zum Glück waren unsere Lieben Nachbarn und Freunde zuhause, die sofort losgegangen sind, um ihr entgegenzukommen.
Warum ich das schreibe? Vielleicht um selbst zu verstehen, was so ein Moment mit einem macht. Mit ihr. Mit uns.
Und auch, weil es aufzeigt, wie viele unsichtbare Ebenen es gibt.
Die Freiheit, alleine eine schnelle Runde draußen zu drehen.
Das Vertrauen, loszulassen. Dieses kurze Gefühl von Normalität.
Und dann plötzlich die Erinnerung daran, dass manches verletzlicher ist, als man manchmal glauben möchte. Dieses ständige Austarieren zwischen Freiheit schenken und Angst tragen. Zwischen »Mach ruhig« und dem Wissen, dass die Welt nicht für alle Körper gleich gebaut ist. Manchmal vergessen wir das fast. Zum Glück.
Und manchmal gibt es Momente, die uns wieder daran erinnern, wie viel Mut in alltäglichen Dingen steckt. Wir sind Eltern, die jeden Tag versuchen, Liebe nicht mit Angst zu verwechseln. Die lernen, Vertrauen größer werden zu lassen als Kontrolle.
Die ihre Kinder hinaus in die Welt schicken, obwohl das Herz manchmal noch hinterher möchte.
Und heute bin ich einfach dankbar.
Für zwei unbekannte Männer.
Für unsere Lieblingsnachbarn.
Und natürlich für Lucie.
Für ihren Mut.
Und dafür, dass sie trotz allem immer wieder Geschwindigkeit sucht.
Wind.
Leben.
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sf | May 18, 2026